(Achtung Spoiler)
Während der Schwangerschaft macht der eigene Körper unglaublich viele Veränderungen in unglaublich kurzer Zeit durch, auch wenn die Dauer einer Schwangerschaft von neun Monaten eigentlich so lang ist. Die meisten Veränderungen sind nicht wirklich angenehm und so ungewohnt, dass man gar nicht so genau sagen kann, was da gerade mit einem passiert. So ging es mir zumindest. Meine Lösung auf alle Fragen im Leben ist das Lesen. Der Markt bietet unglaublich viel Literatur zur Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Genauso wie zum Stillen, der Erziehung und allem, was man so wissen muss, wenn man ein Kind erwartet. Darunter finden sich die absoluten Klassiker, die Spiegel-Bestseller, die persönlichen Erfahrungsberichten, die Übersichtswerke und wissenschaftlichen Fachbücher. Aber auch die Belletristik hat etwas zu bieten. Wie wäre es mit The Breathing Method von Stephen King oder eben auch Rosemaries Baby von Ira Levin. Nicht unbedingt verwunderlich, dass sich diese Beispiele im Horrorgenre befinden. Die Medaille hat wie so oft zwei Seiten: Die Schwangerschaft ist ein Wunder, das neues Leben schafft und in meinem Körper wächst ein Wesen, dass sich von mir nährt, um sein eigenes Leben zu sichern und am Ende bei dem wohl existentiellsten Erlebnis des Lebens, der Geburt, auf die Welt kommt.
Levins Klassiker lag schon länger auf meinem Lesestapel und nun hatte ich einen guten Grund ihn zu lesen, ich wollte mich ja gut über die Schwangerschaft informieren. Es stellt sich heraus, dass der wahre Horror nicht das Wesen ist, dass da in einem wächst und einem jegliche Energie entzieht, selbst wenn es Sohn des Teufels ist. Nein, das scheint noch das kleinste Übel zu sein. Der wahre Horror ist, in welchem Vertrauen und mit welcher Vorfreude sich Rosemarie der Schwangerschaft hingibt, alle Zweifel und Schmerzen erträgt und dafür Verrat, Vergewaltigung und Gaslighting erntet. Der wahre Horror ist, wie verletzlich man sich durch eine Schwangerschaft macht, wie abhängig von Medizin und Supportsystem und wie wenig Wertschätzung die Frau erfährt. Letztendlich ist Rosemarie also der Brutkasten Satans, dank ihrem liebevollen Ehemann Guy, der im Austausch für beruflichen Erfolg ihre Vergewaltigung durch den Teufel mitorganisiert und gleich am nächsten Tag anfängt, alle Zweifel Rosemaries unter Lügen zu begraben. Der Horror, den das in mir auslöst, ist nicht durch den Teufel bedingt, sondern dadurch, dass Rosemarie ihrem Ehemann nicht trauen kann, für den sie nur Mittel zum Zweck ist. Der sie behandelt, als gehöre sie ihm. Der wahre Horror ist, dass wohl jede Frau, die ich kenne, schon sexuelle Übergriffe erfahren hat, im schlimmsten Fall bis hin zu Vergewaltigungen und in den meisten Fällen durch Männer aus dem eigenen Umfeld.
(„Mehr Straftaten (14.454, +8,5 Prozent) registrierte die Polizei dagegen bei Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff im besonders schweren Fall. Laut BKA sind die Tatverdächtigen bei Vergewaltigungen überwiegend Freunde oder Bekannte sowie (ehemalige) Partner und zu 98,6 Prozent männlich.“) https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/pks-vorstellung-102.html
Der wahre Horror ist, dass Rosemarie isoliert und kleingemacht wird, dass ihr nicht geglaubt wird. Der wahre Horror ist, dass Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst 1997 strafbar wurde. Der wahre Horror sind die Traumata und Gewalt, die Frauen in Schwangerschaft und während der Geburt erfahren. Der wahre Horror ist, dass man sich als Frau nie sicher fühlen kann, in einer Gesellschaft, die nicht auf den Schutz von Frauen ausgelegt ist, voll von Menschen, die Frauen nicht respektieren und als das sehen, was sie sind: eben auch Menschen.
Also was konnte ich aus diesem Buch für meine Schwangerschaft mitnehmen?
Eine Selbstbestimmung über den eigenen, weiblich gelesenen Körper ist keine Selbstverständlichkeit. Vor allem in der Schwangerschaft, in der die Bedürfnisse des ungeborenen Kindes häufig in den Vordergrund gestellt werden. Man begibt sich in eine Anhängigkeit und kann nur hoffen an die richtigen Menschen zu geraten. Umso wichtiger ist es, sich diese aktiv zu suchen, die Hebamme zu wechseln, wenn man ein schlechtes Bauchgefühl hat und immer wieder für sich selber einzustehen und das was man braucht einzufordern. Und sich mit den richtigen Menschen zu umgeben, die einen unterstützen und helfen für sich einzustehen, wenn man es selber nicht kann. Denn keine Frau ist allein mit ihren Erfahrungen: Als ich letztens mit meinem lauthals schreienden Baby aus dem Supermarkt geflüchtet bin, auf der Suche nach einem Platz zum Stillen, kam eine junge Frau auf mich zu, die mir den Kinderwagen abgenommen hat, damit ich mein Baby nehmen konnte und mich auf die Rückbank von ihrem Auto gesetzt hat, damit ich in Ruhe stillen kann, während sie auf den Kinderwagen aufpasst, mit den Worten, ich solle mir so viel Zeit nehmen, wie ich brauche. Als ich den Kindersitz neben mir im Auto sah, wurde mir klar, dass sie selber solche Erfahrungen gemacht hatte, vollkommen hilflos und gestresst in der Öffentlichkeit unter abschätzigen Blicken, und die Hilfe anbot, die sie sich selber wahrscheinlich gewünscht hätte. Dafür hatte sie meine ganze Dankbarkeit. Also, wo man nur auf Ignoranz und Diskriminierung trifft, muss man so gut es geht gegensteuern mit Freundlichkeit und Solidarität und nicht vergessen, welche Welt man sich wünscht.

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